Im Minenfeld des politischen Diskurses

Ich habe mich mehrere Tage lang gefragt, ob ich mich zu den aktuellen Kunstinstallationen in Dresden äußern soll, um die seit Anbeginn ein erbitterter und vor allem in den sozialen Netzwerken ausgetragener Meinungsstreit, oder besser, eine Meinungsschlacht, tobt. Wieder einmal steht meine Landeshauptstadt dabei im Zentrum der Geschehnisse, wieder einmal werden all die unappetitlichen gegenseitigen Beleidigungen, Verhöhnungen und Rohheiten ausgepackt, um die eigene politische Meinung zu unterstreichen. Nicht selten bringt einen das als mitlesenden Zeitgenossen in den Zustand der absoluten Fassungslosigkeit.

Warum habe ich also gezögert? Zunächst einmal halte ich die Debatte um die an der Frauenkirche aufgerichteten Busse und die auf dem Theaterplatz installierten Gräber für ein Thema, mit dem sich vorrangig die Bewohner Dresdens auseinandersetzen müssen. Dies ist umso schwieriger, als dass sich durch die Stadtgesellschaft ein tiefer und scheinbar unüberbrückbarer Riss zieht, über dessen Ursachen ich mir vor etwa einem Jahr bereits ausführliche Gedanken gemacht habe. Allerdings hat es meine Partei insofern schon in den Strudel der Ereignisse hineingezogen, als dass es mit dem FDP-Bürgermeister Dresdens, Dirk Hilbert, eine zentrale Figur der Diskussion gibt. Dieser steht aktuell wegen Morddrohungen unter Polizeischutz. Willkommen im politischen Klima des Jahres 2017.

Erneut scheint es nur noch Schwarz und Weiß zu geben. Entweder, oder. Dafür oder dagegen. Dadurch ist der öffentliche Diskurs hochgradig vermint, gerade in einer Stadt wie Dresden, in der seit nunmehr über zwei Jahren eine Situation gegenseitigen Misstrauens, Verachtung und Daueranspannung herrscht. Und all das spielt sich im Vorfeld eines für Dresden zentralen Datums ab, dem Gedenken an die alliierten Luftangriffe vom 13.-15. Februar 1945. Instrumentalisiert, überhöht oder relativiert wurde dieses seit Jahrzehnten prägende Ereignis von verschiedenen Seiten. An dem Umstand, wie präsent es aber bei vielen, ob Zeitzeuge oder nicht, immer noch ist, kommt man allerdings nicht vorbei.

Und das führt mich zu meiner Hauptkritik an den derzeitigen Kunstaktionen. Weder möchte ich über geschmackliche Fragen räsonieren, noch in die Debatte um die Ursprünge der Busbarrikade in Aleppo einsteigen. Dies sind alles Dinge, die sich von hier aus überhaupt nicht klären lassen. Vielmehr stellt sich mir die Frage, warum ausgerechnet in einer hochexplosiven Stimmungslage und vor dem sensibelsten Datum der Stadtgeschichte zusätzliche Konfliktherde geschaffen werden müssen, wo doch alleine die Wahl eines anderen Zeitpunkts deutlich weniger eskalierend gewirkt hätte. Man bürdet der ohnehin überlasteten sächsischen Polizei weitere Einsatzzeiten auf und stärkt die extremen Ränder, die an Deeskalation mittlerweile gar nicht mehr interessiert sind. Aktionen wie diese und diese belegen das. Ich frage mich ernsthaft: Musste das sein? Sind Zeit und Ort richtig gewählt? Warum nicht vor der russischen Botschaft in Berlin, um auf die unmittelbare Verantwortung Putins für die Zerstörung Aleppos hinzuweisen? Warum der Syrien-Konflikt als Aufhänger, für den weder Deutschland im Allgemeinen, noch Dresden im Speziellen irgend eine Verantwortung trägt? Wo blieb der Aufschrei, als bei der Belagerung Sarajevos auf der berüchtigten Sniper Alley tatsächlich Frauen und Kinder von serbischen Heckenschützen erschossen wurden?

Ich wünsche Dresden, endlich zur Ruhe zu kommen. Verbal abzurüsten, Einsicht in selbst begangenes Unrecht zu haben und der Stadt ein gerne streitlustiges, aber demokratisch anständiges politisches Klima zu geben. Dies wird wahrscheinlich seine Zeit dauern, die gerissenen Wunden sind tief. Fangen wir endlich damit an. Nicht morgen. Heute.

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