Schwimmen oder Absaufen?

Ein Blick ins Umland. Nein, zu beneiden ist sie wirklich nicht, meine Kreisvorstandskollegin Anita Maaß. Mit Lommatzsch einer durch Gebietsreformen mittlerweile 39 (!) Ortsteile umfassenden Kommune als Bürgermeisterin vorzusitzen und sich dabei mit den regionaltypischen Problemen demografischer und ökomomischer Art herumzuschlagen, ist schon aufreibend genug. Kleine Stadt – kleine Sorgen? Wohl kaum.

Nun hat das südlich von Riesa gelegene Städtchen seit mehreren Jahren noch einen anderen Konfliktherd: Das nach dem wohl berühmtesten (temporären) Einwohner der Stadt benannte Terence-Hill-Freibad. Dieses ist wegen eklatanter Mängel bereits seit dem Jahr 2011 geschlossen. Eine Änderung des Zustands ist wegen der horrenden Kosten nicht in Sicht, dennoch versucht der eng mit den Freien Wählern Lommatzsch verbundene Badverein  seit Jahren hartnäckig, eine Wiedereröffnung zu erreichen. Dabei bleibt die Frage, wie in Zeiten leerer Kassen ein Freibad halbwegs kostenneutral betrieben werden kann von Seiten der Badfreunde ebenso unzufriedenstellend beantwortet, wie ein überzeugender Lösungsvorschlag zur Problematik des Sanierungsbedarfs. Die Fronten zwischen Verein und Rathaus sind sehr verhärtet und der Tonfall ist überwiegend im Angriffsmodus angesiedelt. Sogar mit einer eigenen Bürgermeisterkandidatin trat man vor drei Jahren an und kassierte eine sehr deutliche Niederlage.

Mittlerweile beabsichtigt der Badverein den Betrieb in Eigenregie. Die Stadtverwaltung zeigte insoweit Entgegenkommen, in dem die ohnehin für die jährliche Zustandssicherung aufzubringenden Haushaltsmittel als Zuschuss zugesagt wurden. Dabei handelt es sich um eine Summe in Höhe von 12.000 Euro. Sieht man sich allerdings noch einmal die im oben verlinkten Wochenkurier-Artikel dargestellten Zahlen aus einem Betriebsjahr genauer an, wird das krasse Missverhältnis überdeutlich:

Bisher liefen jährlich rund 56.000 Euro Sach- und Betriebskosten sowie 49.000 Euro Personalkosten auf. Dem gegenüber standen Einnahmen von 16.700 Euro (im Schnitt 86 Besucher pro Tag)

Wohlgemerkt: Das Bad ist in einem erbärmlichen Zustand und hat nach verschiedenen Schätzungen einen Sanierungsbedarf im mindestens sechsstelligen Euro-Bereich.

Anfang Mai berichtete die MDR-Sendung „Hier ab 4“ über den Fall. Aus urheberrechtlichen Gründen hier nicht zu sehen, werden jedoch von der früheren Bürgermeister-Gegenkandidatin bei der Vorstellung des eigenen Nutzungskonzeptes Eintrittseinnahmen in Höhe von 33.000 Euro kalkuliert (schneller Kontrollblick nach oben angeraten), ein eingeplantes Defizit in Höhe von 24.000 Euro soll über Spenden- und Sponsorengelder aufgefangen werden.  Rechnen wir also einmal zusammen: Die Personalkosten müssten (durch rein ehrenamtliches Arbeiten?) auf Null heruntergefahren werden, zusätzlich müsste man darüber hinaus Eintritt bezahlen und Spenden und Sponsoring braucht es auch? Ohne, dass wir jetzt ein Wort über die Behebung der Mängel verloren haben? Entschuldigung, aber hier quietscht und knarrt es an allen Enden, erst recht, wenn man die juristischen Folgen der fortbestehenden gesamtschuldnerischen Haftung der Stadt Lommatzsch als Eigentümerin bedenkt.

In der letzten Woche dann die nächste Eskalationsstufe: Demo vor dem Rathaus, um dem gerade tagenden Verwaltungsausschuss den Abschluss eines Mietvertrags zwischen Stadt und Rathaus mit Nachdruck nahezulegen. Wenn das aber in der Realität so aussieht, dass, wie in der „Sächsische Zeitung“ zitiert, eine 16jährige Protagonistin nach einem dreistündigen (!) Gespräch im Rathaus eine Aussage wie „Die Bürgermeisterin hörte uns nicht zu, ließ uns nicht ausreden. Sie wollte von uns Alternativen für die Nutzung des Bades hören. Wir wollen aber keine Alternative, wir wollen unser Bad zurück“ von sich gibt, dann kommen mir langsam Vergleiche mit sich bockig auf den Fußboden werfenden Kleinkindern in den Sinn.

Eigentlich nur folgerichtig, dass im Artikel auch gleich wieder die großzügige Einpreisung des Zauberworts mit „F“ alias „Fördermittel“ erfolgt. 200.000 Euro Kosten für eine neue Folienauskleidung des Badebeckens? Lassen wir zu 80% fördern! Die verbleibenden 40.000 Euro Eigenanteil? War eh so eingeplant, schaffen wir! 650.000 Euro Fördermittel für die Naherholung in zehn Gemeinden, verteilt bis 2020? 160.000 davon ab nach Lommatzsch, aber pronto! Im Grunde genommen weiß man nicht, ob man soviel unerschütterlichen Optimismus bewundern oder angesichts fortschreitender Realitätsverweigerung nur fassungslos mit dem Kopf schütteln soll.

Gelegentlich erlaube ich mir die kleine Boshaftigkeit, die gute Anita bei Treffen auf Sitzungen oder Parteitagen mit Fragen nach dem Bad zu necken. Im Grunde genommen wird aber im Lommatzscher Rathaus auf kommunaler Ebene ganz simpel ein Bestandteil des kürzlich beschlossenen neuen Leitbilds der FDP konsequent abgearbeitet. Zu finden in Abteilung blau, zweiter Punkt von rechts. So einfach, so schwer…

leitbildfinal

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