Unter Ostalgikern und Milchmädchen

Nein, heute kein Märchen. Vielmehr eine Analyse eines äußerst ernüchternden Abends.

Worum geht es? Gestern fand in den Räumen des am Riesaer Stadtrand gelegenen Guts Göhlis eine Einwohnerinformationsveranstaltung statt. Anlass sind in den vergangenen Tagen bekannt gewordene Pläne eines Investors, das Gelände zur Errichtung eines Reitsportzentrums zu erwerben. Da sich auf dem Gut einige gemeinnützige Vereine angesiedelt haben, ist der Interessenkonflikt vorprogrammiert. Eben jene Vereine hatten also eingeladen, ein alternatives Nutzungskonzept der Öffentlichkeit vorzustellen. Eine interessante Ausgangslage und daher ein willkommener Anlass, mich vor Ort zu begeben.

Sammeln wir zunächst die bekannten Fakten. Auf dem sichtlich in die Jahre gekommenen Areal nutzen der im Sozialbereich tätige Sprungbrett e.V., die dem Kulturbetrieb zuzuordnende IG Dunkelbunt e.V., der Hundesportverein Riesa e.V. sowie die Mitglieder der Interessengemeinschaft Discgolf verschiedene Räumlichkeiten und Freiflächen. Ergänzt wird dies mit einer seit mehreren Generationen betriebenen Schäferei, die auch in den den Sprungbrett-Verein eingegliedert ist. Bis auf die IG und die Discgolfer haben alle Parteien mit der Stadt Riesa Pachtverträge abgeschlossen, über deren genaue Konditionen gestern nichts zu erfahren war.

Was die Mitglieder freimütig selbst einräumen: So, wie in der derzeitigen Form, ist eine weitere Nutzung nicht möglich. Zu weit ist der Verfall fortgeschritten, bisher getätigte Sanierungsarbeiten hatten eher den Charakter von Notsicherungen und bei einigen der Gebäude besteht Einsturzgefahr.

Was will nun der Investor? Ausweislich der bisher veröffentlichten Informationen (z.B. in der heutigen Lokalausgabe der „Sächsischen Zeitung“) soll auf dem Gelände ein Reitsportzentrum mit angeschlossener Trainings-, Therapie- und Ausbildungsanlagen entstehen, eine Pferdezucht ist zumindestens als zukünftige Option angedacht. Also kein netter Reiterhof von nebenan, wie es ihn in der Region schon mehrfach gibt, sondern Hochleistungssport. Als zentrale Ansprechperson eines nicht näher definierten Investorenkonsortiums tritt dabei der gebürtige Torgauer Jens Worreschk auf, der bereits Großprojekte in der Region realisiert hat. Nach einigen mir heute aus reiterischen Insiderkreisen zugegangenen Informationen sind dabei aber auch einige finanzstarke führende Mitglieder des Sächsischen Landesverbands Pferdesport mit im Boot, also allem Anschein nach durchaus ernstzunehmende und solvente Interessenten.

Soweit die Ausgangslage. Im Vorfeld der gestrigen Veranstaltung schwirrten bereits einige Zahlen bezüglich Sanierungsbedarf und Kaufpreis durch die Lokalpresse, die sich aber, wie sich zeigen sollte, ein nur äußerst unvollständiges Bild ergaben.

Gegen 18 Uhr hatte sich eine doch erstaunlich hohe Zahl an Zuschauern eingefunden, die sich – altersmäßig bunt gemischt – sowohl aus Mitgliedern der betroffenen Vereine, Anwohnern, einzelnen Stadträten sowie Vertretern der örtlichen Parteien und Verwaltung zusammensetzten. Der wohl aufgrund eines Versehens recht kurzfristig eingeladene Oberbürgermeister erschien nicht selbst, wurde aber in Person des Bürgermeisters für Bau und Ordnung Tilo Lindner vertreten – eine gute Wahl, wie sich erweisen sollte.

Zunächst bekamen die derzeitigen Nutzer des Guts ausführlich Gelegenheit, sich und ihre Vereinsarbeit vorzustellen. Ergänzt wurde die oben erwähnte Runde durch den Leiter des angrenzenden Tierheims, welches durch einen Verkauf des Areals zwar nicht unmittelbar betroffen wäre, sich aber nach eigener Aussage durch die eventuellen neuen Nachbarn ebenfalls in seiner Existenz bedroht sieht.

Ich hatte mir an für sich vorgenommen, als neutraler und unvoreingenommener Beobachter zu agieren, aber die aufkommende Unruhe schon beim ersten Statement des Vertreters der Stadtverwaltung ließ mich Schlimmes ahnen und erinnerte mich fatal an eigene Erlebnisse bei Diskussionsveranstaltungen. Was war eigentlich passiert? Tilo Lindner hatte zunächst nichts weiter getan, als den derzeitigen Sachstand darzustellen. Die marode Bausubstanz des Guts, die desolate Riesaer Haushaltslage, einen bereits vor mehreren Jahren kalkulierten (und somit mittlerweile wahrscheinlich noch höher anzusetzenden) Sanierungsumfang von 4 Millionen Euro und den Eingang eines Interessentenangebots, das er als Verwaltungsmitarbeiter selbstverständlich zu prüfen und den Stadträten zur Entscheidungsfindung weiterzugeben habe. Dies wollten wohl nicht alle so sehen und so ergab sich bereits erstes Gemurre, das in einem genau hinter mir ausgestoßenen „Was erzählt der für eine Sch…!“ gipfelte.

Für sichtliche Verstimmung auf dem Podium sorgte der Umstand, dass die Information über einen Kaufinteressenten nicht allen Vereinen gleichzeitig zugegangen war, sondern Sprungbrett e.V. bereits Ende 2014 und der Hundesportverein erst Ende März 2015 ins Bild gesetzt wurde. Dies scheinbar aber nicht aus Versehen, sondern mit voller Absicht von Verwaltung und Sozialträger.

Weitere Zahlen und Informationen wurden bekanntgegeben. Ein ungefährer Kaufpreis von 500.000 Euro, der vollumfänglich den Vereinen zur Schaffung von alternativen Bleibemöglichkeiten zur Verfügung gestellt werden soll. Angesichts der ruinösen Stadtfinanzen ein durchaus großzügig zu nennendes Angebot, insbesondere wenn man um die rabiaten Kürzungsrunden bei der städtischen Vereinsförderung in den letzten Jahren weiß. Jeder lokale Sport- oder Hobbyverein würde über einen solchen Geldsegen wahrscheinlich auf Knien seinem Schöpfer oder wem auch immer danken  – aber nicht in diesem Fall. Im Gegenteil, nun wurde mit der Präsentation eines alternativen Nutzungskonzepts zum Gegenangriff übergegangen. Und wie!

Moderator Volker Herold, mein ehemaliger Wahlkreis-Mitbewerber mit ähnlich unbefriedigendem Ergebnis, hatte bisher trotz eigener Involviertheit äußerst sachlich und neutral durch den Abend geführt und übernahm nun die Aufgabe, eigene Zahlen und Ideen vorzustellen. Hier schien mir allerdings ein ums andere mal reines Wunschdenken federführend gewesen zu sein. So verlangte man nicht nur von der Stadt, das Gelände für einen symbolischen Preis (nennen wir das Kind beim Namen: per Schenkung) übernehmen zu können, sondern kürzte gleich einmal die notwendige Sanierungssumme um ein Drittel auf 2,7 Millionen Euro mit der Begründung, auch mit einfacheren Bauergebnissen zufrieden zu sein, zusammen. Diese sollten auf 15 Jahre gestreckt, also in 180.000 €/Jahr verwandelt werden. Auf diese immer noch recht erkleckliche Summe wurden nun ganz sportlich 50% Fördermittel angesetzt, ein geradezu illusorischer Wert. Aber es ist ein Zauberwort, so lieblich im Klang, so wundersam in seiner Wirkung…irgendwo im Himmel steht scheinbar ein großer Geldautomat mit einem großen „F“ darauf. Wie das Geld in den hinein kommt? Ist doch egal, raus muss es kommen, raus!

Damit aber noch nicht genug der wundersamen Kostenreduzierung. Noch flugs Eigenleistungen im fünfstelligen Bereich eingepreist und den verbleibenden Rest der Stadt Riesa in Rechnung gestellt, weil dieser doch tolle Jugend- und Sozialarbeit „etwas wert sein müsste“ und voilá, 4 Millionen Euro in Luft aufgelöst! Ich gebe zu, ich war ob dieses atemberaubenden Kunststücks schwerstens beeindruckt.

Dies ging offensichtlich nicht nur mir so, wie der begeisterte Beifall zeigte. Die Diskussion war somit eröffnet und es zeigte sich recht schnell, wo die Reise hinging. Von „Das sind doch bestimmt Wessis!“ bis „Muss es denn immer ums Geld gehen?“ wurden nebst sentimentalen DDR-Erinnerungen alle bekannten Register gezogen. Mein Lieblingsstatement war allerdings das eines Herrn (der im Übrigen als Einziger seinen Namen nicht nennen wollte), der Tilo Lindner unbedingt die Information, dass Firmen in Form einer GmbH & Co KG ausschließlich auf Insolvenzbetrug ausgerichtete kriminelle Vereinigungen wären, mit auf den Weg geben musste. Nun, dass wird meinen Arbeitgeber freuen zu hören, der lange Jahre eben jene Gesellschafterform hatte. Es rächte sich, dass ich im mittlerweile recht kühl gewordenen Raum weder eine Jacke noch einen Aluhut dabei hatte. Da ich mich auch grundsätzlich nicht zum Beifall oder Missfallensäußerungen hinreißen ließ, sondern mir eher Notizen machte, kassierte ich von den mich umgebenden Gästen den einen oder anderen misstrauischen Blick: Das ist doch bestimmt ein Investoren-Spion!

Was bleibt? Ich erkenne zweifellos an, was auf dem Gut geleistet wird. Ich sehe aber auch, dass Riesa finanziell auf dem Zahnfleisch geht, Brücken, Schulen und Straßen im beklagenswerten Zustand sind, die Bürger durch gestiegene Kita-Gebühren, Grundsteuer-Hebesätze, mindestlohnbedingte Preissteigerungen etc. immer weiter belastet werden und die Aussichten durch den demographischen Wandel und neue finanzielle Herausforderungen, wie z.B. die Unterbringung von Asylbewerbern, alles andere als gut sind. Davor kann man nicht die Augen verschließen und gleich gar nicht aus meiner Sicht nicht belastbare Rechnungen aufmachen. Natürlich wird alles genauestens zu prüfen sein, aber die Aussicht auf einige Arbeitsplätze, einen potentiellen Gewerbesteuerzahler und die Sanierung einer gefährlichen Ruine erscheint mir mehr als nur eine Überlegung wert.

Als Angehöriger der „APO“ muss ich es im Endeffekt nicht entscheiden, ich hoffe, die Stadträte werden eine von Rationalität geleitete Lösung finden. Quidquid agis, prudenter agas et respice finem!

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Ein Gedanke zu “Unter Ostalgikern und Milchmädchen

  1. […] kurzer Rückblick: Am 29. Mai diesen Jahres veröffentlichte ich hier meine persönlichen Eindrücke der Informationsveranstaltung auf Gut Göhlis. Diese sicherlich […]

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