Wozu Politikwissenschaft? Darum!

Obige Frage ist mir bezüglich der Wahl meines Studiengangs sehr häufig im Familien-, Kollegen- und Bekanntenkreis gestellt worden. Ich musste zunächst im Regelfall das Missverständnis ausräumen, dass die Politologie mit dem aktiven Ausüben von Politik zwingend im Zusammenhang stünde, quasi als eine Art „Ausbildung“ für kommende Politiker. Dies ist selbstredend nicht der Fall. Es geht um das Verstehen und die wissenschaftliche Analyse von politischen Strukturen und Handlungen, nicht um eine Gebrauchsanweisung für das eigene Tun.

Blicke ich nun auf das in den vorangegangenen Jahren erworbene Wissen zurück, nehme ich zwar für mich in Anspruch, vieles besser verstehen und einordnen zu können und befähigt zu sein, Gesetzmäßigkeiten und Entwicklungen zu entdecken, nicht jedoch, für jedes auftauchende Phänomen eine sofortige und erschöpfende Erklärung parat zu haben. Dies bedarf jahrelanger Übung in der Praxis, Weiterbildung und sicherlich auch zeitintensive und hauptberufliche Beschäftigung mit der Materie. Wie so etwas in Perfektion aussieht, wurde mir heute klar, als es mir (wohl aus technischen Gründen um zwei Wochen verspätet) einen Beitrag des von mir abonnierten Politikblogs von Professor Werner J. Patzelt in den Feedreader spülte.

Professor Patzelt, der Politikwissenschaft an der TU Dresden lehrt, ist in den vergangenen Wochen und Monaten durch seine wissenschaftliche Beschäftigung mit PEGIDA zu überregionaler Bekanntheit gelangt. Dabei wurde er ob seiner nüchtern-analytischen Vorgehensweise selbst innerhalb der eigenen Hochschule heftig attackiert, dem aktuellen Fall Münkler nicht unähnlich. Was dabei meistens übersehen wurde ist der Umstand, dass ein derartiges Phänomen geradezu zwingend einer gründlichen und dabei ideologisch unaufgeladenen Erforschung bedarf.

Zuzüglich zu den bereits bekannten Analysen über die Zusammensetzung der PEGIDA-Demonstrationen hinsichtlich Geschlechts, Alter, Bildungsgrad und Einkommensverteilung spannt der mich begeisternde Artikel einen weiten historischen und soziokulturellen Bogen und weist recht eindrucksvoll den Zusammenhang zwischen DDR-Sozialisation, (Nach)Wendeentwicklung und den gegenwärtigen Zuständen nach, wirft interessante Fragen auf und zieht den politisch-medialen Umgang mit PEGIDA in Zweifel. Dabei hält das CDU-Mitglied Patzelt auch für Liberale einige Informationen bereit, die ich zumindestens aus meiner persönlichen Sicht voll und ganz bestätigen kann: Die im Osten vorherrschende absolute Staatsgläubigkeit und eine interessanterweise sowohl im sehr linken und sehr rechten politischen Spektrum zu findende strukturkonservative Grundhaltung.

Ich kann sowohl den Artikel als auch den gesamten Blog vorbehaltlos empfehlen, möchte jedoch noch eine Warnung aussprechen: Werner J. Patzelt neigt dazu, sehr umfangreiche Texte zu schreiben, was im Zeitalter der schnellen Internet-Häppchen zunächst etwas einschüchternd oder gar abschreckend wirken mag. Auch ich stelle zu meinem Bedauern ein sich wandelndes Leseverhalten bei mir fest und so muss mich ein langer Text recht frühzeitig packen, um mich bei der Stange zu halten. Hier ist das allerdings zweifellos der Fall und somit möchte ich den interessierten Leser, die interessierte Leserin bitten, sich selbst ein Bild zu machen:

Die Ursachen des PEGIDA-Phänomens

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