Excuse me, I’m not convinced!

Im Februar 2013 verstarb Zettel, dessen Blog damals eine ungemein inspirierende Quelle für mich und viele andere war. Welcher Blogger – zumal ein anonymer – bekommt sogar einen Nachruf in einem überregionalen Medium wie der WELT? Und auch wenn „Zettels Raum“ von einem engagierten Team von Autoren weitergeführt wird, ist es gefühlt nicht mehr dasselbe. Ich bemerke das unter anderem daran, dass ich dort nur noch als interessierter Leser, jedoch nicht mehr als aktiv kommentierender Nutzer unterwegs bin.

Eine verblüffende Parallele (und die entsprechende Auflösung) zu einem gelegentlich mich plagenden Problem fand ich ebenfalls beim Meister der exzellent recherchierten Analyse. Was tun, wenn die eigene grundsätzlich liberale Verortung mit einer als konservativ zu bewertenden Auffassung in einem konkreten Fall kollidiert? Zettel bezeichnete das sehr treffend als seinen „liberalkonservativen Vermittlungsausschuss“. Und eben jenen bräuchte ich nach dem letzten FDP-Bundesparteitag wohl auch.

Worum geht es? Nachdem die JuLis jahrelang erfolglos dafür warben, ist seit dem vorletzten Wochenende die Forderung nach kontrollierter Freigabe von Cannabis offizielle FDP-Position. Gemäß der reinen liberalen Lehre müsste ich dem zustimmen. Es steht jedem frei, zu konsumieren, was er persönlich für richtig hält, selbst wenn es dem jeweiligen Individuum Schaden jeglicher Art zufügt. Dies freilich nur solange, wie die Rechte Zweiter nicht eingeschränkt werden. Das finge wohl bereits dann an, wenn für eventuelle gesundheitliche Folgen die Solidargemeinschaft der Krankenversicherung gerade stehen müsste, aber das träfe schließlich von Extremsport bis zweifelhafte Ernährungsgewohnheiten für viele andere Situationen ebenso zu. Dies führt also nicht unbedingt weiter. Die Unzulässigkeit der Teilnahme am Straßenverkehr unter Cannabiseinfluss wäre wohl von einer Legalisierung auch nicht berührt. Recht auf Rausch also?

In Einzelfällen bemerke ich an mir sehr wohl noch Reste meiner DDR-Sozialisation. Das betrifft zum Einen die Einstellung zur Religion und wie im geschilderten Fall auch die zu Drogen jeglicher Art. Die wurden uns natürlich als perfektes Beispiel des im Abstieg befindlichen Kapitalismus präsentiert, dessen geknechtete Massen sich nur durch die Flucht in den Rausch von der alltäglichen Ausbeutung entziehen konnten. Schiebt man mal den ideologischen Ballast beiseite und vernachlässigt auch, dass in der DDR extrem gesoffen wurde, blieb eine bei mir bis heute strikte Ablehnung von Drogen als Ausgeburt der Hölle bestehen. Ich habe darüber recht heftige Debatten mit Konsumenten allerlei psychoaktiver Substanzen geführt und auch auf Christian Lindners Äußerung, dass wohl nur Spießer noch nie einen Joint probiert hätten, ein patziges „Dann bin ich eben einer!“ auf der Facebookseite der JuLis hinterlassen.

Es wird in solchen Diskussionen vielfach auf die Ungleichbehandlung von nicht freigegebenen Drogen und Alkohol verwiesen (ich spare mir als lebenslanger Nichtraucher einen Exkurs zum Thema Nikotin). Sicherlich, darüber ließe sich diskutieren. Nur: Bier und Wein sind für mich in erster Instanz immer noch durstlöschende Getränke und selbst auch beim Hochprozentigen lasse ich außer bei „Äthanol pur“-Spirituosen wie Wodka immer noch einen kulturell-geschmacklichen Kontext gelten. Der berauschende Nebeneffekt ist sicherlich mehr oder weniger nicht unwillkommen, ist für mich (persönlich!) aber nicht der Hauptzweck. Dies sehe ich bei Cannabis & Co. anders. Dort geht es um die Wirkung, nichts sonst.

Natürlich rede ich als strikter Verweigerer wie ein Blinder über die Farbe. Dennoch nehme ich mir die Freiheit, Fachleuten aus dem medizinischen, psychologischen und suchtberatenden Fachbereich mehr zuzuneigen als der „Alles halb so wild“-Fraktion. Auch sehe ich die möglichen fiskalischen Effekte einer kontrollierten Freigabe nicht so euphorisch wie mancher Befürworter. Wirkt sich eine Versteuerung spürbar auf den Preis aus, geht der Konsument eben nicht zum staatlich regulierten Fachladen, sondern wieder zum Stammdealer. Das Zigarettenbeispiel winkt freundlich ums Eck.

Mein Vermittlungsausschuss tagt noch, als Delegierter in Berlin hätte ich allerdings ablehnend gestimmt. Ich bin sicherlich kein Vertreter von Straight Edge, auch wenn ich in diesem Jahr Alkohol praktisch gemieden habe. Dafür bin ich nach wie vor leidenschaftlicher Kaffeefan, dies jedoch selbstredend aus ganz anderen Beweggründen…

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