Gedenken und Gedanken zum 8. Mai

Ich nahm am heutigen späten Nachmittag als Vertreter der FDP an der Gedenkveranstaltung zum Ende des Zweiten Weltkriegs am Riesaer Ort des Gedenkens für die Opfer von Gewaltherrschaft am Poppitzer Platz teil. Es war eine sehr würdige Veranstaltung, bei der von Schülern aus Tagebüchern Riesaer Zeitzeugen gelesen, angemessen getragene Musik vom Bläserensemble Riesa e.V. gespielt, ein Blumengebinde von den Fraktionsvorsitzenden des Stadtrats niedergelegt und eine Ansprache durch den Oberbürgermeister Marco Müller (CDU) gehalten wurde. Dieser zitierte aus Richard von Weizsäckers berühmter Rede vom 8.5.1985, die das Kriegsende eindeutig als Akt der Befreiung definierte. Bis dahin konnte ich mich dem Gesagten anstandslos anschließen. Doch daraufhin folgten Aussagen, die jeglichen Verweis auf sich lückenlos anschließendes Unrecht als zu verurteilenden Versuch der Relativierung diskreditierten und praktisch eine völlige Undenkbarkeit eines kritischen Diskurses zur Kontinuität von Unfreiheit und Unterdrückung vermittelten. Das mag den Beifall der anwesenden Linken gefunden haben, mich reizt es zu erheblichem Widerspruch. Dazu einige Überlegungen privater Natur.

Ich bin als Kind der DDR mit dem Mythos des edlen Rotarmisten aufgewachsen. Der hungernden deutschen Kindern Brot zusteckt, jungen Witwen bei der schweren Arbeit hilft und inmitten von Trümmerbergen Konzerte mit schwermütigen russischen Volksweisen gibt. Das hat es alles ganz sicher gegeben. Aber es bildet eben auch nur einen Teil der geschichtlichen Realität ab. Die flächendeckende Demontage der Industrie in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) mag man noch mit der Berechtigung von Reparationen aufgrund der durch die deutschen Truppen in der UdSSR angerichteten Verheerungen erklären und begründen können, die sofort einsetzende Verfolgung selbst politisch Unbelasteter und die Übergriffe auf die Zivilbevölkerung sind es nicht. Es gibt keine Aufrechnung von Unrecht, erst recht nicht, wenn man bedenkt, dass selbst sowjetische Kriegsgefangene wegen Kollaborations- oder Feigheitsverdacht nach ihrer Rückkehr im Gulag verschwanden.

Dazu zitiert der britische Historiker Zahlen sowjetischer Historiker: Zwischen 1945 und 1953 wurden rund 5,45 Millionen Sowjetbürger, die ihr Land aus verschiedensten Gründen verlassen hatten, repatriiert. Davon wurde ein Fünftel zum Tode verurteilt oder verschwand zur Höchststrafe von 25 Jahren im Gulag. Drei Millionen erwartete ein Arbeitslager. Nur ein Fünftel – zumeist alte Männer, Frauen und Kinder – durfte unbehelligt zurückkehren. Und viele der Männer, mit denen Stalin den Sieg errungen hatte, wurden zum Opfer neuer Säuberungen.

Mehr dazu hier, empfohlen sei auch das für Einwohner des Freistaats Sachsens kostenfrei bei der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung beziehbare Buch „Besetzt. Sowjetische Besatzungspolitik in Deutschland“ von Volker Koop.

Es hat nichts mit Relativierung, Aufrechnung oder gar Geschichtsrevisionierung zu tun, wenn man festhält, dass sowohl auf dem Gebiet der späteren DDR wie auch in den anderen Ländern des sowjetischen Einflussbereichs ein menschenverachtendes Schreckensregime durch ein anderes abgelöst wurde. Die endgültige Befreiung erlangten diese Völker erst ab 1989 – aus eigener Kraft.

Dieser Erkenntnis ist umso schwerer zu gewinnen, wenn man praktisch seit frühester Kindheit mit einem anderen offiziellen Geschichtsbild aufwächst. Und die Zeitzeugen in der eigenen Familie schwiegen. Dass es in den Lebensläufen meiner mittlerweile verstorbenen Großeltern sowohl väter- als auch mütterlicherseits Vertreibung, eine nur durch glückliche Umstände knapp verhinderte Vergewaltigung und wahrscheinlich durch Kriegstraumatisierung verursachte körperliche und seelische Gewalt gab, erfuhr ich erst kurz vor oder nach ihrem Tod. Wie verbreitet solche Entwicklungen waren und welchen Einfluss sie noch auf die heutige Generation haben, hat die Journalistin Sabine Bode in ihren Forschungen zu „Kriegskindern“ und „Kriegsenkeln“ nachgewiesen.

Was bleibt an so einem Tag festzuhalten? Gedenken und Mahnung ganz sicher. Aber auch der feste Wunsch, wachsam gegen Denkverbote zu sein und offenen, auch unbequemen Diskurs zu wagen. Unfreiheit tötet. Uns alle. Überall.

PS: Dazu auch eine Empfehlung der lesenswerten Artikel von Hasso Mansfeld und Alexander Wallasch auf The European.

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