Review

Ich befinde mich aktuell auf der Zielgerade meines Politikwissenschaftsstudiums. Das ist üblicherweise der Zeitpunkt zurück zu blicken, eine Bilanz zu ziehen, einzusortieren und zu bewerten. Einige in meinem persönlichen Umfeld wissen, warum es mich erst volle 18 Jahre nach der Erlangung meines Abiturs an eine Hochschule verschlagen hat, andere vermuteten diesen Studiengang gemäß einem liebevoll gepflegten Vorurteil gemäß als „Politikerausbildung“. Nun, schaut man sich die nicht eben seltenen Fälle an, wo es Angehörige dieses Wissenschaftskreises getreu dem legendären Dreisatz „Kreißsaal-Hörsaal-Plenarsaal“ in ein politisches Amt spült, mag das zutreffen, in meinem Fall lief das aber genau entgegengesetzt: Dass ich heute Mitglied der FDP bin, verdanke ich diesem Studium oder genauer gesagt, drei sehr klugen, sehr alten und leider auch sehr toten Männern: John Locke, Alexis de Tocqueville und John Stuart Mill.

Im Frühjahr 2010 streckte mich eine Lungenentzündung nieder und brachte mir einen zehntägigen Krankenhausaufenthalt ein. Während man also an mir mit allerlei Mittelchen herumdoktorte, beschäftigte ich mich mit meinen Studienunterlagen. Das damalige Semester, das zweite nach meiner Immatrikulation, beschäftigte sich mit Demokratietheorien von der Antike bis zur Neuzeit. Ich hatte die griechischen und römischen Klassiker schon hinter mir gelassen und Machiavelli, Morus und Bodin bereits passiert. Das darauf Folgende kann ich nur als mein persönliches „Erweckungserlebnis“ bezeichnen. Mir als stark sozialdemokratisch geprägtem Menschen stand stellenweise der Mund offen, als ein ums andere Mal viele offenen Fragen beantwortet und alle bisher lose herumliegenden Puzzleteilchen plötzlich ein Bild ergaben: Das war es!

Bei der Schwäche der menschlichen Natur, die stets bereit ist, nach der Macht zu greifen, würde es eine zu große Versuchung sein, wenn dieselben Personen, die die Macht haben, Gesetze zu verabschieden, auch noch die Macht in die Hände bekämen, diese Gesetze zu vollstrecken.

John Locke

Da jedes Individuum der maßgebendste Sachwalter seiner Interessen ist, darf die Gesellschaft ihre Sorge für es nicht zu weit treiben, sonst steht zu fürchten, daß es sich ausschließlich auf sie verlasse und daß der Gesellschaft damit eine Aufgabe zufiele, die sie unfähig wäre zu erfüllen.

Alexis de Tocqueville

Wir können nie sicher sein, daß die Ansicht, die wir zu unterdrücken suchen, falsch ist: auch wenn wir sicher sein könnten, wäre die Unterdrückung immer noch ein Übel.

John Stuart Mill

Ich grub mich immer tiefer in Fragen des Liberalismus hinein und fühlte mich endlich politisch angekommen – mit knapp 40 Jahren wohlgemerkt. Wieder aus dem Krankenhaus entlassen, beschäftigte ich mich schlussendlich eine Frage: Was bedeutet das für meine zukünftigen Wahlentscheidungen? Die FDP??? Dieser von mir bis dato mit herzlicher Abneigung gestrafte Verein herzloser Kapitalisten? Schließlich war ich qua Abstammung, Sozialisation und Ausbildung eigentlich nur eines: Ein waschechter Proletarier. Sollte ich etwa einer Partei beitreten, die wohl in der allgemeinen Wahrnehmung eher nicht als erste Anlaufstelle von Arbeitnehmerinteressen gilt?

Volle zwei Jahre wägte ich Für und Wider gegeneinander ab. Dass zu jener Zeit kein aktuelles Parteiprogramm verfügbar war, sondern sich gerade in der Neuausarbeitung befand, verschaffte mir etwas Zeit. Ohne Programm und damit ohne zu wissen, wohin die Reise ging, wollte ich mich auf nichts einlassen. Erst nachdem mir die Karlsruher Freiheitsthesen vorlagen, ackerte ich mich ein ganze Woche Punkt für Punkt durch und war mir danach endlich sicher: Hier bin ich richtig! Der Rest ist Geschichte.

Natürlich verzweifele auch ich manchmal an der FDP. Welches Mitglied einer politischen Partei kennt das nicht? Mein Schlüsselerlebnis war dabei die Bundestagsabstimmung zur Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen im Jahr 2012. Die mehrheitliche Zustimmung der FDP-Fraktion und somit das Stellen von Religionsfreiheit über die körperliche Unversehrtheit brachte mich sowohl als Liberaler als auch als Vater derart in Rage, dass ich nur ein knappes halbes Jahr nach meinem Eintritt beinahe wieder hingeschmissen hätte. Ich habe mich schlussendlich doch für eine Three Strikes-Regelung entschieden. Bei der dritten grundlegenden Kollision der Parteilinie mit meiner persönlichen Haltung trage ich das nicht weiter mit. Einmal ist somit bereits verwirkt.

Insgesamt umweht den Beginn meiner parteipolitischen Tätigkeit ein recht morbider Hauch. Krankenhaus und längst verblichene weise Männer, es passt tragischerweise fast dazu, dass ich nur ein knappes Vierteljahr später aus der Zeitung vom Tod meines damaligen Zimmergenossen erfahren musste. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz:

Glück und Unglück sind zwei Zustände, deren äußere Grenzen wir nicht kennen.

John Locke

PS: Die Klausur zur Thematik der Demokratietheorien habe ich mit der Note 1,0 bestanden – zum einzigen Mal.

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